Donnerstag, 3. August 2017

Schweiz 1988: Biel Mett und Biel RB

Ganz zum Schluss habe ich dann den größten Bahnhof auf unserer Schweizreise besucht, den Rangierbahnhof von Biel/Bienne. Biel RB ist der letzte Schweizer Bahnhof, der heute noch – im Jahr 2017 – mit Semaphoren und mechanischen Stellwerken ausgestattet ist. Der Grund ist wohl, dass noch immer nicht klar ist, ob der Bahnhof ganz aufgelassen werden soll (und eine Modernisierung daher unnötig wäre), oder ob er nicht doch in irgendeiner Form erhalten bleiben soll. Als Bahnhof für die Zugzerlegung hat er jedenfalls ausgedient – im Gegensatz zum Jahr 1988, als ich die Anlagen und den Ablaufbetrieb dort aufgenommen habe.

Ergänzung 6.8.2017: Hanspeter Thöni hat wieder dankenswerterweise fachliche Kommentare geliefert, die ich unten in kursiv ergänzt habe.

Das folgende Diagramm ist ein Überblick über die Gleisgruppen des Bahnhofs und ihre damaligen Funktionen. Unter openrailwaymap.org kann man sie mit dem aktuellen Gleisplan vergleichen; interessant sind auch Satellitenaufnahmen, z.B. auf maps.google.com (Klick ins Diagramm öffnet ein lesbares PDF):


  • Ganz rechts sieht man die Gleisverbindungen in Biel Mett, die in den Bahnhof führen.
  • Die Gruppe A war zugleich Einfahr- und Ausfahrgruppe.
  • Die Gruppe E war die Reihungsgruppe, in die die Wagen aus der Gruppe A über den kleinen Ablaufberg abgerollt wurden.
  • Die Gruppe D war eine Nachreihungsgruppe, in die aus dem Ausziehgleis am Ende von E abgestoßen werden konnte.
  • Die Gruppe G umfasste die Lade- und Aufstellgleise am Güterschuppen und einige Freiladegleise.
  • Schließlich war hinter dem Bahnhof noch ein Ausbesserungswerk angeordnet.
Als Ausfahrsignale dienten – und dienen – Semaphore. Richtung Biel (und Brügg) sind 5 davon auf der bekannten Signalbrücke angeordnet, ein sechster für die Gleise 8 bis 14 steht einzeln daneben. Richtung Biel Mett dienen die vier Semaphore auch als Einfahrsignale für Biel Mett, sie müssen daher auch von der dortigen Fahrstraßenfestlegung abhängig sein.

Bei der Lage des Postens 6 bin ich mir etwas unsicher – aber die Ansicht auf Google Maps schaut schon sehr danach aus.

Die ersten der folgenden Bilder zeigen Anlagen am Bahnhof Biel Mett. Dort stand damals noch ein Integra-Schalterwerk, an dem an diesem Tag irgendeine Wartung vorgenommen wurde, sodass ich ein paar Bilder der Innereien aufnehmen konnte.

Das Schalterwerk dürfte eines der neueren sein, die gebaut wurden. Die Weichensteuersätze (steckbar) wurden in dieser Form erst 1953 entwickelt. Das war erst kurz vor dem Beginn des Relais-Stellwerk-Zeitalters. Daher gab es nicht allzu viele Schalterwerke mit diesen Sätzen. Hier wird der Batteriewechsler nicht mechanisch, sondern elektrisch umgeschaltet. Das Stützrelais-Paar oberhalb des Würfels ist der Batteriewechsel mit zugehörigem Auslösemagnetschalter.
Auch die in grau ausgeführte Verdrahtung zeigt, dass das Schalterwerk neueren Datums ist. Die älteren haben eine schwarze Verdrahtung.


Schalterwerk, Fdl, Biel Mett, 23.8.1988

Schalterwerk, Fdl, Biel Mett, 23.8.1988

Schalterwerk, Fdl, Biel Mett, 23.8.1988

Der linke der drei Fahrstraßensignalschalter ist hier in Position "von Biel RB" umgelegt – über die umgestellte DKW 18a wird also in Kürze ein Güterzug vom Rangierbahnhof kommen.

Einfahrt von Biel RB: Hier wird nur ein Zustimmung abgegeben. Daher lässt sich der Fahrstrassensignalschalter nur auf 45° umlegen, da er in diesem Fall nur eine Fahrstrassenfestlegefunktion, aber keine Signalfunktion hat.

Ausfahrt nach Biel RB: Hier wird von Biel RB die Zustimmung benötigt. So wie ich das sehe, wurde die grüne Kuppelstromlampe auf dem
Fahrstrassensignalschalter in die Mitte versetzt. Die rechte Lampe scheint die Zustimmungslampe von Biel RB zu sein. Auf dem ersten Bild, wo die Ausfahrt offen ist, sieht man diese Lampe leuchten.

Die Signalanzeige G ist auch interessant. Hier wurde offenbar eine 'Sammelmeldung' der Gleissignale G nach Mett übertragen, damit der Fahrdienstleiter wusste, dass die Ausfahrt offenstand. Einen Streckenblock gibt es hier ja keinen, da Bahnhof direkt an Bahnhof grenzt.

Schalterwerk, Fdl, Biel Mett, 23.8.1988

Und hier fährt er durch:

SBB Re 4/4 II 11260 mit Güterzug, Biel Mett, 23.8.1988

Dieses ziemlich abgeschnittene Bild zeigt den Bahnhof:

Bahnhof, Biel Mett, 23.8.1988

Dann habe ich mich auf den Fußweg zum Rangierbahnhof Biel RB gemacht. Dieser Traktor tat am Ostende seinen Dienst:

SBB Tem 328, Biel RB, 23.8.1988

Und hier sind wir schon am Wärterstellwerk 1. Ein roter Zustimmungshebel für Einfahrten von Biel Personenbahnhof oder Brügg ist nach oben umgelegt:

Blockapparat, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Hier ist ein Teil der Hebelbank zu sehen. Mit der farblichen Kennzeichnung der Hebel nahmen es die Schweizer offenbar nicht so genau: Der Hebel des Rangiersignals R3 ist nicht rot, wie alle anderen, sondern blau. Und mitten zwischen den Ausfahrsignalhebeln war genügend Platz für einen bequemen Sessel, für die ruhigeren Stunden.

Der blaue Rangiersignalhebel scheint nur eine vorübergehende Erscheinung gewesen zu sein. Auf einem späteren Bild von Simon Gander sind wieder alle Hebel korrekt gefärbt.

Hebelbank, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Im Gleisplan sind die vier Gruppenausfahrsignale zu erkennen, außerdem die Abdrücksignale M3 und M4 sowie die vier Rangiersignale R und R1 bis R3. Am Symbol der letzteren (mit zwei "Füßen") erkennt man, dass sie nicht für eine Richtung gelten, sondern "Räumungssignale" sind, also in Stellung "Rangieren verboten" das gesamte Rangieren auf bestimmten Gleisen und Weichen verbieten:

Gleisplan, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Die Blocksperren von Jüdel mit ihren blanken Metallteilen haben mich immer schon begeistert, vor allem weil ich diese Konstruktionen von den österreichischen Stellwerkstypen her überhaupt nicht kannte:

Blocksperren, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Blocksperren, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Blocksperren, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Und zum Schluss noch ein Blick auf einige Blockfelder, mit einer entblockten Freigabe für eine Ausfahrt. Über den Blockfeldern sieht man den Umschalter zwischen Induktor und 16 2/3 Hz-Betrieb: Im Regelbetrieb wurde der Blockstrom aus der Fahrleitungsversorgung gewonnen, um den Stellwerkern auf einem solchen großen Bahnhof mit viel Betrieb die Arbeit des Induktorkurbelns zu ersparen. Eine ähnliche Einrichtung, allerdings mit Motorinduktoren, habe ich zehn Jahre früher in St.Valentin in Niederösterreich aufgenommen.

Da in der Schweiz so gut wie alle Strecken elektrifiziert waren, hatten auch so gut wie alle Felderblockkästen eine 16 2/3-Speisung. Kurbeln war selten angesagt.

Blockfelder, Stw.1, Biel RB, 23.8.1988

Zwei Ee 3/3 arbeiten im Abrolldienst. Rechts neben dem Rangiersignal ist das Abdrücksignal M4 zu erkennen:

Ee 3/3 165 + noch eine Ee 3/3, Biel RB, 23.8.1988

Eine Ae 4/7 wartet hier vor dem Rangiersignal auf die Einfahrt eines Zuges – noch steht das Signal auf "Rangieren erlaubt", ...

Ae 4/7 10978, Biel RB, 23.8.1988

... aber kurz darauf zeigen alle Signale gekreuzte Arme:

Ae 4/7 10978, Biel RB, 23.8.1988

Und hier kommt (links) der Zug. Rechts ist das Stellwerksgebäude zu sehen:

Stellwerk 1, Biel RB, 23.8.1988

Auf dem ersten Bild mit der Ae 4/7 kann man übrigens erkennen, dass dem Schildermaler bei der DKW 8 ein kleines Malheur passiert ist – wäre interessant zu wissen, ob das heute noch so zu sehen ist (nein, das Bild ist nicht seitenverkehrt; erstens wäre dann das "a" vor der "8", was auch nicht richtig wäre; zweitens kann man aber oben sehen, dass beim Semaphor der Arm auf die richtige Seite zeigt).

Ergänzung 6.8.2017: Florian hat mir mitgeteilt, dass das Weichensignal irgendwann umgebaut wurde und die Beschriftung seither korrekt ist. Dann ist das vielleicht der einzige Beleg dafür, wie's einmal war ...:

Weichensignal der DKW 8a, Biel RB, 23.8.1988

Irgendwie und irgendwo bin ich dann ganz ans andere Ende des Bahnhofs marschiert. Dort habe ich als erstes ein einzelnes Bild des Postens 6 (denke ich) aufgenommen:

Posten 6 (?), Biel RB, 23.8.1988

Ein alleiniges Rangiersignal stand hinter dem großen Güterschuppen:

Rangiersignal, Biel RB, 23.8.1988

Der Posten 4, in der Nähe des Güterschuppenendes, ist extrem schmal gebaut:

Posten 4, Biel RB, 23.8.1988

Hier sieht man die Reihungsgleise. Unter der Überwerfung im Hintergrund verlaufen die Ausfahrten aus dem Rangierbahnhof unter der Fernstrecke. Ein "Feldschlösschen Bier"-Wagen läuft hier gerade in eines der Reihungsgleise:

Gleisgruppe E (Reihungsgleise), Biel RB, 23.8.1988

Ein Mast hat sich genau vor das Stellwerk 3 gestellt, links davon sieht man den kleinen Ablaufberg, über den gerade zwei Wagen herunterlaufen:

Ablaufberg und Stellwerk 3, Biel RB, 23.8.1988

Und hier ist hinter dem Rangiersignal R9 das hohe Gebäude des Fahrdienstleiterstellwerks 2 zu erkennen:

Rangiersignal R9, Stellwerk 2, Biel RB, 23.8.1988

Im nächsten Posting geht es dann weiter mit dem Stellwerk 2 – und zwei Wagen, die man am Ablaufberg nicht erwarten würde.

Kommentare:

  1. Herrlich, die Schönheit der Jüdel-Blocksperren. Das ist das, was ich bei Österreichischen Bauformen so vermisse: Die Blocksperren.Die sind dort unsichtbar. Leider habe ich es noch nicht geschafft, mir Biel anzusehen. Viel Zeit bleibt leider nicht mehr. Eine sehr schöne Galerie zum Stellwerk 1 gibt es hier: http://stellwerke.sgander.ch/album/Mechanisch/Biel%20RB/index.html

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    1. ... wobei bei den österreichischen Stellwerken die Blocksperren eigentlich nicht unsichtbar sind, sondern gar nicht vorhanden (wenn man nicht die einfachen Haken, mit denen die Blockfelder die Schubstangen festlegen, als Blocksperren bezeichnen will ...). Viele Aspekte, die in D und CH durch Blocksperren abgesichert wurden, wurden in Österreich gar nicht gesichert (z.B. fehlten typischerweise Wiederholungssperren), oder sie wurden über komplexere Blockschaltungen erreicht, wo mehrere Blockfelder und ihre Kontakte zusammenspielten.

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    2. ... und danke für den Link - hier noch einmal klickbar: Biel RB - Aufnahmen von S.Gander.

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