Freitag, 30. Dezember 2011

Das Krauss-Stellwerk in Schwindegg, 2011

English version of this posting


Vor längerer Zeit habe ich ja hier das Krauss-Stellwerk Hörlkofen beschrieben. An derselben Strecke von Markt Schwaben nach Mühldorf befinden sich aktuell noch zwei weitere Krauss-Stellwerke, die zusammen mit dem Stellwerk Hörlkofen wohl zu den ältesten noch in Betrieb befindlichen Stellwerken in Deutschland gehören: Die Stellwerke in Schwindegg und in Weidenbach. Beide Stellwerke sind wohl 1898 bei der Inbetriebnahme der Strecke in Betrieb gegangen.

Hier ist eine Fotostrecke vom Stellwerk in Schwindegg. Im Gegensatz zu Hörlkofen und Weidenbach gibt es in Schwindegg außer dem Ausweichgleis 1 noch ein Ladegleis. Es ist zwar schon lange nicht mehr befahrbar und auch durch herausgenommenene Gleisstücke abgetrennt, trotzdem ist es noch in die Stellwerkslogik integriert. Die folgenden zwei Bilder zeigen - etwas spiegelnd - den Gleisplan von Schwindegg:



Hier sieht man die ganze Stellwerksanlage:


Im Gegensatz zu Hörlkofen steht hier der Blockapparat des Felderstreckenblocks im selben Raum wie das Stellwerk. Und im Gegensatz zu Hörlkofen hat, wie mir ein Fahrdienstleiter erklärt hat, der Felderstreckenblock hier keine Grundstellung - was eigentlich der Regelfall ist. Der Streckenblock Hörlkofen - Markt Schwaben hat dagegen eine Grundstellung, was offenbar mit der S-Bahn nach Erding zu tun hat ... leider weiß ich nicht, welche Stellung dort die Grundstellung ist.

Aber zurück zum Stellwerk in Schwindegg. Die Hebelbank enthält von links nach rechts zuerst 5 Kurbeln für
  • das Einfahrsignal D aus Richtung Weidenbach
  • die zweiflügeligen Ausfahrsignale aus Gleis 1 (E Richtung Weidenbach, B sowie das Sperrsignal Hs I Richtung Dorfen)
  • das Ausfahrvorsignal Vc (beim Einfahrsignal D)
  • die einflügeligen Ausfahrsignale aus Gleis 2 (F Richtung Weidenbach, C Richtung Dorfen - aber hier ohne Sperrsignal!)
  • das Einfahrsignal A aus Richtung Dorfen
Daneben folgen dann die Hebel für
  • das Ausfahrvorsignal Vf (beim Einfahrsignal A)
  • Weichenhebel und Riegelhebel für die Weiche 9
  • die Gleissperre des Ladegleises

Ganz rechts folgen schlussendlich
  • der Hebel für das Sperrsignal Hs 2
  • die Weichen- und Riegelhebel für die Weiche 1

Wie üblich müssen die Fahrstraßenhebel klare Angaben tragen, welche Stellelemente (Weichen, Riegel, Gleissperren und Sperrsignale) welche Stellung einnehmen müssen, damit die Fahrstraße eingelegt werden kann. Hier sieht man die Beschriftungen der zwei Kurbeln ganz rechts:


Wieso sehen die Schilder so verschieden aus? Schuld ist das Eisenbahnbundesamt (EBA): Vor kürzerer Zeit wurde dieser Bahnhof - und andere dieser Strecke - vom EBA kontrolliert, und dabei wurden die mehrfachen Überklebungen und wohl auch die fehlenden Angaben zu Weichenstellungen auf den Fahrstraßenschildern moniert, die sich aus Umbauten der vergangenen Jahrzehnte ergeben haben. Also wurden neue Schilder angefertigt (dem Vernehmen nach werden sie von einer Behindertenwerkstätte der Bahn produziert), und dabei hat sich jemand für eine schöne alte Frakturschrift entschieden! Beim Schild für die Fahrstraßen aus Gleis 2 gab's aber offenbar ein Problem - es muss noch nachgeliefert werden, danach werden alle Schilder "wie neu wie alt" aussehen!

Zugleich sind auch die Symbole auf den Kurbeln korrigiert - so sehen die neuen aus:


Einige der Fahrdienstleiter vor Ort sind anscheinend der Meinung, dass diese Symbole nicht so ganz gelungen sind - sie sehen ein wenig nach "Kindergarten" aus ... Auch könnte man sich über die historische und fachliche Korrektheit streiten: Einerseits sind die Signalflügel im Stile der alten bayrischen Signale gehalten, mit eckigen statt runden Kellen; und darüberhinaus sind auch für die Ausfahrt aus Gleis 1 einflügelige Symbole gezeigt, obwohl die Signale natürlich gekuppelte zweiflügelige sind:


Andererseits ist das Sperrsignal Hs I bei der Fahrstraße B als getrenntes Signal gezeigt ... nun ja, wenn's dem EBA passt, warum soll ich's kritisieren?

Der Felderstreckenblock hat oberhalb der Anfangs- und Endfelder Tastensperren. Ein Fahrdienstleiter hat mir erklärt, dass dadurch auch die Fahrstraßenhebel festgelegt werden - erst wenn die entsprechende Tastensperre ausgelöst hat (weiß statt blau anzeigt), kann der Fahrstraßenhebel zurückgelegt werden:


Die Einfahrvorsignale werden motorisch gestellt - die Überwachungslampen dafür befinden sich im Aufbau oberhalb der Signalkurbeln:


Zuletzt noch ein Bild der elektromagnetischen Hebel(fallen)sperren, die in den schlitzförmigen Fensterchen eine weiß Blende zeigen, wenn die Hebelfalle angehoben werden kann:


Die Sperre beim Vorsignalhebel für Vf wird direkt durch die Handfalle aktiviert. Bei den Weichenhebeln muss ein eigener, ziemlich langer Taster bedient werden, den man hier links oben sieht:


Das folgende Bild zeigt noch eimal die Kurbeln, dahinter die Winkelhebel, über die die Fahrstraßenstangen angetrieben werden, und dahinter die Stelldrähte für die Signale:


Schlussendlich hier noch ein paar Bilder der Außenanlagen:





Die abgetragenen Sperrsignale auf der Mühldorfer (Weidenbacher) Seite wollte wohl niemand mehr mitnehmen (das EBA scheint diese kleine Müllhalde nicht beanstandet zu haben):


Hier noch ein Bild des rabiat unterbrochenen - aber im Gleisplan des Stellwerks noch schön durchgezeichneten - Ladegleises:


Und ganz zum Schluss noch ein Foto des Bahnhofsgebäudes mit dem rechts angebauten Stellwerkshäuschen:


Nachtrag: Hier (drittes Bild von oben) findet sich noch ein Foto eines Ausschnitts des Schwindegger Stellwerks.

Kommentare: