Samstag, 31. März 2012

Blockapparat der Abzweigung Kledering - und die 10-Groschen-Münze

Am 26.2.1983 habe ich Abzweigung Kledering besucht – von dem Besuch habe ich in dieser Geschichte erzählt, und wir werden gleich ein paar Teile davon "live" sehen.

Im Hintergrund sind auf dem folgenden Bild schon die Gebäude des großen neuen Klederinger Verschubbahnhofs im Bau, aber in der Gegend, wo später dessen Einfahrbahnhof liegen würde, stand noch der alte Simmeringer Verschiebebahnhof samt seiner Anbindung an die Ostbahn, der Abzweigung Kledering:

Abzw. Kledering, 26.2.1983

Bei sporenplan.de ist die Abzweigung auf diesem Gleisplan ganz rechts unten sichtbar. Die zwei gerade Richtung Kledering verlaufenden Gleise waren dabei nicht mehr in Betrieb, sondern die "Umfahrung der Baustelle". Die Abzweigung war also weiterhin eine übliche zweigleisige Abzweigung. Allerdings wurden von der Abzweigung Kledering auch zwei Schutzweichen an den Gleisen zum Verschiebebahnhof gestellt. Der folgende Gleisplan zeigt auch noch die Isolierschienen, wo der Zug die Tastensperrfelder "springen" lässt (die Is 4r interessiert uns nicht, sie gehört zum Verschiebebahnhof):


Der Blockapparat war sehr speziell gebaut (und schon ein paar Mal umgebaut) worden. Hier ist ein Überblick über die Blockfelder. Wichtig ist dabei das "mechanische Mitblocken" (von mir so genannt – über die Pfeile symbolisiert), wodurch beim Blocken bestimmter Felder über Mitnehmer die Tasten anderer Felder auch gedrückt werden und damit andere Blockvorgänge mit auslösen:


Die Abkürzungen bedeuten (alphabetisch sortiert):
  • A – Anfangsfeld des Streckenblocks
  • E – Endfeld des Streckenblocks
  • Ff – Fahrstraßenfestlegung
  • S.v. – Signalverschluss
  • Ts – Tastensperre
  • Wsp – Wiederholungssperre
  • Za – Zustimmungsabgabe
  • Ze – Zustimmungsempfang
Die Abzweigung Kledering war ja ganz nahe am Simmeringer Verschiebebahnhof, daher deckten die dortigen Ausfahrsignale zugleich auch die Fahrt über die Weichen der Abzweigung auf die Ostbahn. Deshalb mussten diese Weichen in der Abzweigung Kledering bei einer Ausfahrt aus dem Verschiebebahnhof auch festgelegt sein. Dazu dient ein Zustimmungsblockfeld mit der Bezeichnung "Za an Simm.-Vbf. z. Ff", also ausgeschrieben "Zustimmung an Simmering Verschiebebahnhof zur Fahrstraßenfestlegung". Ein umgekehrtes Zustimmungsempfangsfeld gab es für die Fahrt in den Verschiebebahnhof: Erst wenn dort die Fahrstraße festgelegt war, konnte die Abzweigung ihr Sígnal Z – das nun ja das Einfahrsignal für den Verschiebebahnhof war – freistellen.

Die A- und E-Felder sind normale Felder eines Felderstreckenblocks, so als ob die Abzweigung ein einfacher Blockposten wäre.

Außerdem gibt's noch spezielle Felder und eben mechanische Kupplungen zwischen den Feldern, die für die Ein- und Ausfahrten aus dem Verschiebebahnho nötig sind.

Damit die Funktion eines solchen Apparats für die Nachwelt erhalten bleibt, schreibe ich von meinem Tagebuch ab, wie sich die vier möglichen Fahrten an der Abzweigung blockmäßig abgespielt haben. In den folgenden Abläufen steht links immer, wer eine Aktion bewirkt; nach dem Doppelpunkt ist angeführt, welche Felder in welchen Zustand "rattern", und welche anderen Aktionen evtl. ausgeführt werden. Wirkliche Freaks müssen sich da Schritt für Schritt durcharbeiten – und wer einen Fehler findet, kriegt eine lobende Erwähnung!

Zuerst die Abläufe für die zwei Fahrten Richtung Kledering, die sich am linken Blockapparat abspielen:

Simmering Ost ⇒ Kledering:
  1. Vorblock von Simmering Ost: E ⇒ w[eiß];
  2. Fdl Abzw: Fahrstraße stellen, dann Wsp ⇒ w, dadurch + Ff ⇒ g[rün];
  3. Zug: Ts neben E ⇒ w, Ts neben A ⇒ w, Wsp ⇒ r[ot];
  4. Fdl Abzw: Vorblock nach Kledering: A ⇒ r (dadurch Ff ⇒ w) + Ts sw [schwarz];
  5. Fdl Abzw: Rückblock nach Simmering Ost: E ⇒ w + Ts ⇒ sw;
  6. Rückblock von Kledering: A ⇒ w
Anmerkung: A ist ein Gleichstrom-Wechselstromfeld, daher springt es beim Entblocken von Kledering her – vielleicht ist dort schon ein ZG vorhanden, und das A wird nur zusätzlich ausgelöst, um die Ankopplung an den alten Blockapparat zu erreichen.

Simmering Verschiebe ⇒ Kledering:

Korrektur 19.10.2014: Im folgenden Ablauf wird die Zustimmung viel schneller zurückgegeben, als vorher hier stand: Nämlich direkt mit der Befehlsabgabe in Simmering Verschiebe – ein wahrhaft sehr unübliches Verfahren! Das ist nach langer Zeit einem namenlosen Anonymous aufgefallen (siehe Kommentare!), der hiermit die erwähnte "lobende Erwähnung" sehr verdient!

Hier muss sich fast dasselbe wie bei der vorherigen Fahrt abspielen, nur dürfen A- und E-Feld Richtung Simmering Ost nicht mitspielen. So geht es:
  1. Fdl Abzw: Fahrstraße stellen, dann Za ⇒ w, dadurch + Ff ⇒ g[rün];
  2. Simm.Vbf: Fahrdienstleitung gibt Befehl an Stw. und damit zugleich die Zustimmung zurück (siehe das Posting zu Simmering Verschiebebahnhof), Signal freistellen
  3. Zug: Ts (neben A) springt ⇒ w
  4. Fdl Abzw: Vorblock nach Kledering: A ⇒ r (dadurch Ff ⇒ w) + Ts ⇒ sw;
  5. Rückblock von Kledering: A ⇒ w
Und jetzt die zwei Fahrten am rechten Blockapparat, also von Kledering kommend:

Korrektur 19.10.2014: In beiden folgenden Abläufen muss sicher nach dem Fahrstraßen-Stellen Ff ⇒ g,  also das Festlegen der Fahrstraße stehen (vorher stand hier Ff ⇒ w). Auch diese "Entdeckung" stammt vom selben Anonymous.

Kledering ⇒ Simmering Ost:

  1. Vorblock von Kledering: Rote Lampe (am ZG?)
  2. Fdl Abzw: Fahrstraße stellen, dann Ff ⇒ g (dadurch S.v. ⇒ w, d.h. das Signal kann nun gestellt werden)
  3. Fdl Abzw: Signal freistellen
  4. Zug: Ts neben A springt ⇒ w, Signal fällt auf Halt
  5. Fdl Abzw: Signal zurückstellen, S.v. ⇒ r (dadurch Ff ⇒ w)
  6. Fdl Abzw: Vorblock nach Simmering Ost: A ⇒ r + Ts ⇒ sw;
Kledering ⇒ Simmering Verschiebe:
  1. Vorblock von Kledering: Rote Lampe (am ZG)
  2. Simm.Vbf: Gibt Zustimmung ab, dadurch Ze ⇒ w;
  3. Fdl Abzw: Fahrstraße stellen, dann Ff ⇒ g (dadurch S.v. ⇒ w, d.h. das Signal kann nun gestellt werden) – das ist für diese Fahrstraße nur möglich, wenn Ze = w;
  4. Fdl Abzw: Signal freistellen
  5. Zug: Ts neben S.v. springt, Signal fällt auf Halt
  6. Fdl Abzw: Signal zurückstellen, Ze ⇒ r (Zustimmung zurückgeben), Ts ⇒ sw + S.v. ⇒ r (dadurch Ff ⇒ w) (das reine Blocken von S.v. würde zwar mechanisch gehen, ist aber elektrisch verhindert)
Liest sich wie ein Telefonbuch, oder? Aber irgendein intelligenter Ingenieur (oder mehrere) haben sich diese Logik ausdenken müssen und dann dafür die Schaltungen zeichnen; und das alles so erklären, dass es danach durch die Behörde abgenommen wurde, von Fahrdienstleitern bedienbar ist, und von Signalmeistern reparierbar!

Und hier sieht man genau dieses Reparieren "live": Signalmeister, geschlossenes Blockwerk "nach Nickelsdorf", und offener Blockapparat "von Nickelsdorf". Bevor wir uns in diesen ein wenig vertiefen, schauen wir uns noch ein wenig die Signalbedienung an. Die Signalhebel sind schon ohne Ketten, d.h. die Anlage ist auf Lichtsignale umgestellt. Mein Tagebuch verrät mir, dass
  • das Signal A über einen Schlüssel gestellt wurde: Der Signalhebel war über eine zusätzlich angebaute Stange mit einem Hebelschloss verbunden, das den Signalschlüssel freigab – und mit diesem Signalschlüssel konnte man über das im Hintergrund auf dem Schieberkasten sichtbare Schlüsselwerk das Signal A freistellen.
  • das Signal Z direkt über die Signalhebel bedient wurde.
Im Hintergrund studiert der Signalmeister gerade den Schaltplan:

Blockapparat und Hebelbank, Abzw. Kledering, 26.2.1983

Den rechten Teil des Blockwerks gibt's nur in offener Version.

Und – man sieht hier auch den Einsatz der 10-Groschen-Münze: Sie hilft dabei, die Doppeltaste von Tastensperr- und Anfangsfeld Richtung Simmering Ost niederzudrücken. Man erkennt, dass die Schenkel der Kontakte des Anfangsfeldes nach unten weisen. Und auch beim Tastensperr-Feld links ist die Druckstange nach unten bewegt, sodass der oberste Kontakt (der einizige Drucktastenkontakt am Tastensperrfeld) ebenfalls nach unten umgeschaltet ist (wieso die Riegelstange nicht nach unten verschoben ist und wie überhaupt ein Tastensperrfeld funktioniert, muss ich mir offenbar noch einmal genauer überlegen oder erklären lassen ...):

Blockapparat, Abzw. Kledering, 26.2.1983

Übrigens sieht man auf dem Foto mit dem Signalmeister deutlich die nach unten stehende Doppeltaste, die von der 10-Groschen-Münze "niedergedrückt" wird.

Ein Bild später ist nun die Fahrstraße festgelegt (grün), das Signalverschlussfeld (zweites von rechts) ist dadurch auf weiß gegangen = das Signal ist nun stellbar, Anfangsfeld Richtung Simmering Ost ist noch weiß, Tastensperren alle schwarz: Der Zug kann kommen. Hinter den rechtesten zwei Blockfeldern sieht man übrigens schemenhaft den Kurbelinduktor, und quer durch den Blockapparat läuft die Welle zur Kurbel auf der anderen Seite:

Blockapparat, Abzw. Kledering, 26.2.1983

Derselbe Zustand der linken vier Felder noch einmal:

Blockapparat, Abzw. Kledering, 26.2.1983

Und das war's leider mit meinen Aufnahmen von dieser Anlage!
Zuletzt noch in verschneiter Landschaft ein Bild des Signals A, mit Baubefestigung:

Signal A, Abzw. Kledering, 26.2.1983

Kommentare:

  1. S.g. Herr Müller, ich glaube zwei kleine Fehler gefunden zu haben:
    bei der Fahrt Kledering-Simmering Ost unter Punkt 2. müsste es heißen Ff-Feld grün statt weiß,
    bei der Fahrt Simmering Vbf-Kledering erfolgt die Zustimmungsrückgabe unmittelbar mit




    dem Blocken des Ba-Feldes des Fdl Simmering Vbf-meiner Meinung nach!

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    1. Großartig und vielen Dank! - nach langer Zeit haben Sie da im Detail draufgeschaut!

      Das erste habe ich ausgebessert (auch bei der Fahrt Kledering - Simmering Verschiebe war es falsch).

      Das zweite steht eigentlich schon so in meinem Posting zu Simmering Verschiebe - ich habe es aber hier nicht bedacht (weil mein Tagebuch es anders behauptet hat) - nun auch korrigiert!

      Harald M.

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