Mittwoch, 28. März 2012

In Straßwalchen stand ein Zupftastenstellwerk ...

Ergänzung: Mein Tagebuch hat noch ein paar Dinge verraten, die ich unten kursiv eingearbeitet habe. Die Korrekturen nehme ich nach einiger Zeit heraus.

Was sind denn "Zupftasten"? Korrekt sind sie unter dem Namen "Zugtasten" bekannt – "Zupftasten" war nur eine Art Spitzname –, und der Grund für ihren Einsatz ist der folgende:

In einem Stellwerk werden sicherheitsrelevante Aktionen ausgeführt. Solche Aktionen soll der Fahrdienstleiter oder Stellwerker nie versehentlich ausführen. Das Drücken einer einzelnen Taste kann aber leicht unbeabsichtigt passieren – wenn man sich abstützt, mit der Hand über den Stelltisch greift, vielleicht ein wenig stolpert usw. In üblichen Drucktastenstellwerken werden daher alle Aktionen durch gleichzeitiges Drücken zweier Tasten eingeleitet (Ausnahmen sind nur eindeutig nicht sicherheitsrelevante Umschaltungen wie z.B. das leichte Abblenden aller Signallampen eines Bahnhofs bei Dunkelheit). Das einfache Umstellen einer Weiche – das prinzipiell mit einer Taste möglich wäre: "Weichentaste für Weiche 47 drücken" – soll also auch zwei Tasten erfordern. Daher wird sozusagen "künstlich" eine "Weichengruppentaste" (WGT) dazugebaut, und nur das Drücken einer Weichentaste und dieser WGT führt zum Umstellvorgang.

Die durchgängige Zwei-Tasten-Bedienung erfordert aber einen erhöhten Schaltungsaufwand, weil zusätzliche Kontakte nötig sind – manchmal sehr viele -, um aus den Tastenkombinationen die einzelnen Funktionen abzuleiten. Daher hat man nach Alternativen gesucht, und zwei davon sind:
  • Schalter, die gedreht werden ("Drehtasten"); und eben
  • Schalter zum Ziehen – Zugtasten, in Österreich auch als "Zupftasten" bezeichnet.
Es ist offensichtlich, dass man einen Schalter, der gezogen werden muss, nur sehr schwer versehentlich bedienen kann. Andererseits ist die Bedienung schon sehr gewöhnungsbedürftig.

In Straßwalchen stand so ein Zupftastenstellwerk – meines Wissens eines von nur zwei in Österreich, das andere stand in Ludesch in Vorarlberg. Die folgenden zwei Bilder zeigen das Bedienpult. Es findet dabei gerade eine Durchfahrt auf Gleis 1 (von Salzburg nach Amstetten) statt: Das Ausfahrsignal H1 steht auf frei, das Einfahrsignal Z ist schon auf Halt gefallen, aber der ZG-Block (rechts unten) zeigt noch eine Rotausleuchtung = besetzte Strecke von Salzburg her.

Zupftastenstellwerk Seite Amstetten, Straßwalchen, 6.9.1981

Zupftastenstellwerk Seite Salzburg, Straßwalchen, 6.9.1981

Einige Besonderheiten des Stellwerks sind:
  • Man sieht, dass die Vorsignale ursprünglich mit allen Lampen dargestellt wurde und erst später auf die Einzellampendarstellung (z.B. ein grünes Licht für irgendeine Freistellung eines Vorsignals) umgestellt wurden.
  • Weichen wurden im Sinne der einfachen Schaltung und Bedienung mit einer einzelnen "Zupftaste" gestellt – man sieht sie im Bild ganz unten.
  • In jeder Weichentaste war der Weichenbelegtmelder angeordnet, also eine Lampe, die bei Besetzung der Weiche durch einen Zug leuchtete. Bei unserer Durchfahrt leuchten die Belegmelder der Weichen 22 und 23/24, die gerade vom durchfahrenden Zug befahren werden.
  • Zupftastenstellwerke hatten für die Ausfahrsignale eine Signaldunkelschaltung (Stromsparschaltung), wenn kein Zug im Bahnhofsbereich war alle Fahrstraßen aufgelöst waren. Um Signale zur Überprüfung oder bei länger im Bahnhof stehenden Zügen – z.B. Fahrverschub vulgo "Sammler" – trotzdem anschalten zu können, gab es die "Ansch.T. Ausf.Sig."; um die Signale wieder löschen zu können, die "Lösch.T. Ausf.Sig.".
  • Ein- und Ausfahrten wurden (soviel ich mich erinnern kann) über eine Zwei(!)-Tasten-Bedienung gestellt: Dabei wurde zuerst die Taste der Startgleises und dann die des Zielgleises gezogen konnten die Taste des Startgleises und die des Zielgleises in beliebiger Reihenfolge gezogen werden.
  • Beim Stellen einer Fahrstraße war auch ein Weichenselbstlauf möglich. Allerdings gab es offenbar noch keine "Weichenlaufkette", wodurch mehrere Weichen zeitlich versetzt anlaufen würden: In Straßwalchen liefen alle zugleich an. Deshalb wurde der Weichenselbsteinlauf nicht verwendet, weil sonst zu oft die Sicherung rausgeflogen wäre.
  • Für die Fahrstraßenauflösung, die man manuell durchführen musste, waren Haltstellung – die wegen Notfällen in jedem Stellwerk vorhanden sein muss – waren für die Signale eigene "Rückstelltasten" vorhanden.
  • Die "Festlegetasten" waren dazu da, um eine Fahrstraße ohne Signalfreistellung festlegen zu können. Das ist z.B. nötig, wenn wegen einer Baustelle auf dem falschen Streckengleis gefahren wird; und für eine wenigstens partielle Absicherung der Einfahrt dann eine "Ausfahrt für Einfahrt" gestellt wird. Wenn z.B. von Amstetten kommend ausnahmsweise vom linken Gegengleis, also von Gleis 1, in das Regelgleis 2 im Bahnhof gefahren werden soll, dann müssen ja die Weichen 1 und 2 in der Ablenkung und anschließend Weiche 3 in der Geraden befahren werden. Eine Einfahrt von Streckengleis 1 nach Bahnhofsgleis 2 ist nicht signalmäßig möglich, weil es beim Gleis 1 aus Amstetten kommend gar kein Signal gibt. Aber man kann stattdessen eine Ausfahrt von Gleis 2 nach Streckengleis 1 stellen – dadurch werden alle Weichen elektrisch verschlossen und können nicht mehr versehentlich umgestellt werden. Das Ausfahrsignal H2 soll in diesem Falle aber nicht auf frei gehen – und ich nehme an, dass man es vor dem Stellen der Ausfahrt eben auf Halt "festlegen" konnten.
  • Neben dieser Festlegung der Hauptsignale gab es auch die übliche Möglichkeit zum Festlegen des Vorsignals, was zu manchen Zeiten laut der Betriebsvorschrift auf einen außerplanmäßigen Aufenthalt im Bahnhof hinwies.
  • "OS" für die einzelnen Weichen klingt verdächtig nach "Ortsschalter", also der Möglichkeit zu einer Ortsbedienung der Weichen beim Verschub. Auf dem Gleisplan sind auch zwei Rechtecke mit Bezeichung "OS.1" und "OS.2" zu sehen, was "Ortschalterwerk 1" bzw. "... 2" bedeuten sollte.
  • Die Ausfahrsignale Richtung Salzburg waren mit Vorsignalen versehen, weil der nächste Bahnhof – Steindorf bei Straßwalchen – so nahe liegt, dass seine Einfahrvorsignale nicht außerhalb von Straßwalchen stehen konnten.
  • Auf den Überholgleisen 3 und 4 waren keine Durchfahrten möglich.

Neben dem Stellwerk stand ein kleines, später dazugebautes Bedienungspult für die Ersatzsignale. Es hatte normale Zwei-Tasten-Bedienung, und mein Foto davon ist beliebig unscharf. Trotzdem kann man erkennen, dass es Signaltasten ("ST") für die Signale Z, R3, R2 und R4 gab – nur: Auf dem Stelltisch gibt es gar kein Signal R3! Und da die Westbahn hier noch im Richtungsbetrieb mit Rechtsfahren betrieben wird und keine Gleisverbindung von Gleis 3 auf das rechte Streckengleis nach Salzburg existiert, wäre ein solches Signal auch nutzlos. Äußerst komisch. Dafür sieht man im Hintergrund, dass wieder beide weiße Lampen des ZG leuchten, unser Zug also zumindest die Einfahr-Zugschlussstelle schon befahren hat:

Ersatzsignal-Stellpult zum Zupftastenstellwerk, Straßwalchen, 6.9.1981

Schon lange ist es nun abgebaut.

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