Sonntag, 16. Dezember 2012

Mechanische Stellwerke ganz ohne Hebel? Melk, 1986

Nach Pöchlarn habe ich am selben Tag noch Melk besucht.

Hier sieht man die Anlagen in der Fahrdienstleitung – damals war ein Fahrdienstleitertisch auch auf einer Hauptbahn noch vollkommen frei von Bildschirmen:

Befehlswerk und Fahrdienstleiterarbeitsplatz, Fdl, Melk, 12.10.1986

Die Blockfelder dieser Anlage sind "wie üblich": Ein Ba- und ein Fa-Feld je Richtung und Streckengleis. Allerdings befinden sich in der Mitte zwei zusätzliche Zustimmungsabgabefelder für Weichen, die innerhalb der Hauptgleise liegen. Rechts am Blockwerk ist ein kleines Zentralschloss angeschraubt, mit dem "aus zwei Schlüsseln einer gemacht wird", der in einem der beiden Schlösser darüber steckt. Eine Knagge ist mit Sp3/W36 beschriftet – sie korrespondiert ziemlich sicher mit diesem Zentralschloss. Wieso für die beiden Einrichtungen allerdings keine A/C-Folgeabhängigkeit vorhanden war, sondern dieses Zentralschloss, weiß ich nicht. Und wieso das linke Zustimmungsfeld einen Schlüssel freigeben konnte, und wozu das zweite Schloss rechts am Befehlswerk ist, weiß ich auch nicht (die beiden könnten natürlich korrespondieren – aber wieso sollte man das eine Zustimmungsfeld über einen Schlüssel mit dem Schieberkasten verbinden, das andere aber direkt über die Riegelstange?):

Befehlswerk, Fdl, Melk, 12.10.1986

Am rechten Teil des Signalanzeige- und -stellpults befand sich eine Überwachung für den Block Melk 1 sowie zwei Schrankenanlagen Richtung Pöchlarn:

Blocküberwachung und Schrankenüberwachungen, Fdl, Melk, 12.10.1986

Draußen ist mir ein Eilzug begegnet, dessen Nummer ich nicht aufgeschrieben habe (ein alter Fahrplan würde sie sicher auffinden lassen ...). Update: Harald Süß hat den Zug recherchiert – siehe unten in seinem Kommentar. Nach ca. 50 Jahren Einsatzdauer war die 1018.004 eine alte Dame:

1018.004 mit E745, Melk, 12.10.1986

1018.004 vor E745, Melk, 12.10.1986

1018.004 vor E745, Melk, 12.10.1986

Vom Fußgängerübergang sieht man die Weichen für die Ladegleise:
  • Vorne links wohl die W36 mit dem Sperrschuh Sp3 dahinter.
  • Links im Hintergrund (in der Lücke zwischen den abgestellten Wagen) sind W34 und W35 – wegen der Entfernung sowohl zur Fahrdienstleitung wie auch zum Stellwerk 1 über das linke der zwei Zustimmungsfelder am Befehlswerk freizugeben.
  • Rechts im Hintergrund die Weiche zu einem weiteren Ladegleis mit dem Sp2, der über das rechte der zwei Zustimmungsblockfelder freigegeben werden konnte.
Einen Sp1 scheint es nicht zu geben.

1044.013 mit Schnellzug, Melk, 12.10.1986

Auf den Stellwerken sieht man, wie fraglich die Einteilung in "mechanische" und "elektromechanische" Stellwerke ist (was dann eben zur Einführung des Begriffs "Reihenstellwerk" geführt hat): Sämtliche Weichen für Zugfahrstraßen sind, wie hier am Stellwerk 2, elektrisch gestellt. Die stabilen Traversen, die zur Aufnahme der Hebel bestimmt waren, sind nur noch schmückendes Beiwerk:

Hebelbank mit Blockapparat und Gleisanzeiger, Stw.2, Melk, 12.10.1986

Die Weichen waren nicht nur mit elektrischen Antrieben ausgerüstet, sondern auch durchgängig isoliert worden. Die roten Lämpchen zeigten eine Besetzung an; und im Falle einer Fehlfunktion half die Weichenhilfstaste WHT, damit die jeweilige Weiche trotzdem umgestellt werden konnte:

Fahrstraßen- und Weichenknaggen, Stw.2, Melk, 12.10.1986

Für die Signalbedienung war ein kleines Bedienpult vorgesehen, auf dem die Weichenstellung und -belegung ebenfalls dargestellt wurde. Hier findet sich auf das Zählwerk WHZ, das die Verwendung der WHT dokumentiert, und daneben das Zählwerk für das Auffahren von Weichen:

Anzeige- und Bedienpult, Stw.2, Melk, 12.10.1986

Über die kräftig überhöhten Weichen fährt hier eine 1042.0 als Lokzug:

1042.031 als Lz 11161, Melk, 12.10.1986

Das großartige Stift Melk von Jakob Prandtauer dominiert natürlich die Gegend, und es ließ sich auch schön mit dem kleinen Stellwerk auf ein Bild bringen. Die Stellwerke und der Bahnhof waren übrigens in demselben hellen Gelb gestrichen wie das Stift:

Stellwerk 2 und Stift Melk, Melk, 12.10.1986

Dazwischen hier einmal ein Foto ohne Eisenbahnbezug ...

Stift Melk, 12.10.1986

... aber auf das nächste Bild mussten Stift und Zug gemeinsam drauf:

1042.642 mit 63214, Stift Melk, Melk, 12.10.1986

Am Weg zum Stellwerk 1 habe ich zwei der Ausfahrsignale aufgenommen. Am H4 war ein Verschubsignal angebracht, um Ausziehfahrten aus dem Ladegleis signalisieren zu können:

Ausfahrsignale H4 und H2, Stellwerk 1, Melk, 12.10.1986

Am Blockwerk des Stellwerk 1 sieht man hier, dass gerade zwei Fahrten stattfinden: Beide Fahrstraßenfestlegefelder sind geblockt (grün), die Befehlsempfangsfelder entblockt (weiß – das linke spiegelt leider):

Blockapparat, Stw.1, Melk, 12.10.1986

Auch hier sieht man eine "elektromechanische Hebelbank ohne Hebel". Links neben den Weichenknaggen befindet sich die Knagge für das Verschubsignal V4 am Ausfahrsignal H4:

Hebelbank mit Blockapparat und Gleisanzeiger, Stw.1, Melk, 12.10.1986

Auch hier gab es bei den Weichenknaggen und am Anzeigepult für die Weichenstellung Belegungsmelder – allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Weichen tatsächlich isoliert waren, denn es fehlt im Gegensatz zum Stellwerk 2 eine Weichenhilfstaste (und ein zugehöriges Zählwerk). Interessant sind auch die Signaltasten: Hier gab es nicht – wie auf praktisch allen anderen Signalstellpulten zu 5007er Stellwerken, die ich gesehen hab; auch am Melker Stellwerk 2 – eine einzelne Signaltaste ST/H für alle Ausfahrsignale, sondern eine eigene Taste für jedes Signal. Mir fällt weder ein schaltungstechnischer noch ein betrieblicher Grund für diese Abweichung ein:

Anzeige- und Bedienpult, Stw.1, Melk, 12.10.1986

Hier sieht man das kleine Stellwerk von außen:

Stellwerk 1, Melk, 12.10.1986

Die Weichen zur Verbindung der Hauptgleise waren lange Weichen, deren Zungen mit einem Mittelverschluss festgehalten wurden. Hier sieht man den Winkelhebel, der hier die Stellbewegung bewirkt. Das Rohr enthält die Gestängeleitung, die von einem weiteren Winkelhebel neben dem Weichenantrieb kommt. In dem trapezförmigen Gehäuse neben dem Rohr befindet sich eine Druckfeder, die den Winkelhebel in die jeweilige Endlage drückt, um den Verschluss sicherer festzuhalten (wenn man das Bild vergrößert, kann man die letzten Windungen der Feder hinter dem linken Schenkel des Winkelhebels sehen):

Weiche 3, Melk, 12.10.1986

Hier sieht man den stadtseitigen Aufgang zur Fußgängerbrücke. Die Erhöhung der Stützpfeiler durch die hohen Betonfundamente muss eigentlich schon zum Zeitpunkt der Elektrifizierung, also um 1950, stattgefunden haben:

Melk, 12.10.1986

Und zuletzt ein Bild des Bahnhofs, von der Fußgängerbrücke geschossen:

Bahnhof, Melk, 12.10.1986

Kommentare:

  1. Bei dem Eilzug in Melk mit 1018.04 handelt es sich um E 745 (Mo-Fr Schwarzach-St.Veit - Wien West; Sa, So und Feiertage Salzburg Hbf - Wien West). Der E 745 ist durch den an der Zugspitze gereihten Kurswagen Bad Hall - Wien West eindeutig erkennbar, der in Linz Hbf beigegeben wurde sowie an der Zuglok der Reihe 1018.
    Der E 745 fuhr planmäßig um 11.35 Uhr in Melk ab.

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    1. Besten Dank für Info (und Recherche) --> oben Verweis ergänzt (ich habe meine alten Fahrplanbücher leider vor 10 Jahren in einem Anfall von "Aufräumen" weggeworfen ... nun ja).

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