Mittwoch, 1. Januar 2020

Kompensator in eindrähtigen Signalleitungen in der Schweiz - 1885

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Ganz unerwartet habe ich in dem Buch über Schweizer mechanische Stellwerke, nämlich Hans G. Wäglis "Hebel, Riegel und Signale" einen Hinweis entdeckt, dass Spannwerke oder Kompensatoren in eindrähtigen Signalleitungen nicht nur in Italien, sondern auch außerhalb davon verwendet wurden. Dort findet sich nämlich auf S.176 folgender Plan, in dem ich eine eindrähtige Signalleitung und das Symbol eines Kompensators markiert habe (Klick öffnet ein etwas größeres Bild):


"Abschluss-Signal" ist übrigens die damalige Schweizer Bezeichnung für ein Einfahr- oder eigentlich (nach österreichischer Nomenklatur) Distanzsignal, weil es den Bahnhof gegen die Strecke "abschließt". Wie im 19. Jahrhundert üblich, waren diese Signale soweit vor der Einfahrweiche aufgestellt, dass ein Zug bei "geschlossenem" Signal noch vor der Weiche halten konnte (das Konzept der "Bremsweglänge" gab es allerdings in dieser Klarheit damals noch nicht).

Interessanterweise steht auch dieser Kompensator ungefähr im Drittelpunkt der Einfachdrahtleitung. Mir ist nicht klar, wieso man dieses Verhältnis wählt – prinzipiell könnten die zwei Scheiben am Kompensator ja auch gleich groß sein, oder ein beliebiges anderes Durchmesserverhältnis haben ...

Im Plan sieht man auch auf der gegenüberliegenden Seite ein Abschlusssignal mit Kompensator, der allerdings nicht so schön im Drittelpunkt gezeichnet ist – allerdings ist der Plan nicht wirklich maßstäblich.

Wenn ich raten müsste, würde ich denken, dass diese Kompensatoren aus Frankreich stammen und dort auch länger verwendet wurden – ich habe allerdings keinen Beweis dafür, weil mir bisher ausführliche Literatur zu französischen Sicherungsanlagen noch abgeht – da muss ich Wäglis umfangreiches Literaturverzeichnis durchforsten und mir Unterlagen besorgen.

Zuletzt ist auch die Bezeichnung "Annet-Schloss" für direkt an den Weichen angebrachte Schlösser interessant – der Name des Erfinders lautet natürlich Annett mit zwei t, und zwar genauer James Edward Annett (von der London, Brighton and South Coast Railway). Wägli verwechselt ihn auf S.159 mit James Philipp Annett, der bei ein anderen Eisenbahn, aber auch im Signalwesen tätig war – sowas passiert ...

"Hebel, Riegel und Signale" von Hans G. Wägli, 2018

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Zu Weihnachten habe ich einen Wälzer bekommen: "Hebel, Riegel und Signale" von Hans G. Wägli, 2018 beim Diplory-Verlag in der Schweiz veröffentlicht. Es beschreibt in unendlichen Details auf über 450 Seiten die Geschichte und Technik der mechanischen Stellwerke in der Schweiz – allerdings mit vielen Ausschweifungen nach England und vor allem nach Deutschland, weil die Hauptlieferanten für Schweizer Stellwerke – Schnabel & Henning in Bruchsal; sowie Jüdel in Braunchweig – ja von dort kamen; und daher ist das Buch definitiv auch für deutsche Sicherungsanlagenliebhaber interessant, vor allem, weil die deutschen Einheitsstellwerke ja großteils von Jüdel-Stellwerken abgeleitet wurden.

In Kürze zusammengefasst, ist es ein geniales Buch für jeden, den Stellwerke und Sicherungsanlagen interessieren. Man müsste über dieses Buch eine umfangreiche Besprechung schreiben, allein um die vielen unerwarteten Details aufzuzeigen, die sich finden – eines habe ich bei meiner Erklärung des Spannwerks oder Kompensators in Rapolano Terme ergänzt ...

Was das Buch deutlich darstellt, ist, dass die europaweite gegenseitige Beeinflussung und Verwendung technischer Lösungen sehr ausgeprägt und verbreitet war: Zum Beispiel verwendeten die Schweizer (zumindest im 19. Jahrhundert noch) einfache Drahtzüge und Annett-Schlösser, in Deutschland waren Gestängeleitungen einst der Regelfall, und der Unterschied zwischen der englischen "Kaskaden-" und der deutschen Fahrstraßen-Verschlusslogik ist im 19. Jahrhundert bei weitem nicht so klar zu ziehen, wie das durch die Entwicklung der Regelstellwerkstypen in Mitteleuropa im Nachhinein erscheint. Klare Kaufempfehlung!

Leider ist der Autor Hans Wägli im Oktober 2019 verstorben – er hätte als ehemaliger Bibliothekar (aber nicht nur das) der SBB sicher noch weitere interessante Informationen herausgefunden und zusammengestellt.

Umschlagbild von "Hebel, Riegel und Signale" auf der Webseite des Diplory-Verlags