Sonntag, 1. April 2012

Simmering Ost, 1983

Am selben Tag, an dem ich die Abzweigung Kledering besucht habe, habe ich auch Fahrdienstleitung und Stellwerke von Simmering Ost abgeklappert – und bin wieder über einen offenen Blockapparat gestolpert! Die Anlagen von Simmering Ost waren ein ziemliches Mischmasch:
  • Das Stellwerk 1 Richtung Wien Süd war noch ein klassischer 5007er, allerdings mit ZG-Block und Lichtsignalen.
  • Das Stellwerk 2 Richtung Simmering Verschiebe und Richtung Abzweigung Kledering war ein K47, aufgebaut auf einem 5007er-Untergestell (hier stand vorher EM47 – aber das war wohl nur ein informeller Begriff; laut Hager heißt die Type K47).
  • In der Fahrdienstleitung stand ein Rankapparat, allerdings wegen des knappen Abstandes zu Simmering Verschiebe und wegen des K47 mit ganz untypischen Blockfeldern.

Hier sind die einzelnen Anlagenteile im Detail:

Der Rankapparat in der Fahrdienstleitung stand noch auf einem typischen altösterreichischen hölzernen Unterschrank:

Befehlswerk Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983

Ganz links sehen wir die normalen vier Blockfelder einer zweigleisigen Strecke mit ZG-Block. Dieses Blockwerk hatte übrigens (warum auch immer) keinen Induktor und daher auch keine Kurbel. Zum Blocken wurde die linke Kurbel des anderen Blockwerks verwendet, deren Griff man am rechten Rand noch erkennen kann:

Befehlswerk Fdl Richtung Wien Süd (Stw.1), Simmering Ost, 26.2.1983

Die Blockfelder Richtung Stellwerk 2 waren sehr speziell: Richtung Verschiebebahnhof gab es eine Wiederholungssperre, eine "Freigabe" sowie ein "Ee" und ein "Ea"-Feld zur Kommunikation mit dem Verschiebebahnhof. Wenn ich wetten müsste, würde ich meinen, dass hier folgende mechanischen Abhängigkeiten bestanden habe:
  • Blocken der Wiederholungssperre blockt auch das Ee-Feld;
  • Blocken des Ea-Feldes blockt auch die Freigabe.
Wie komme ich darauf? ... wegen der Länge der Tasten: Langer Hebel = Hebelarm für zwei Blockfelder; und wegen der sichtbaren Verbindungsfedern zwischen den nebeneinanderliegenden Tastenpaaren.
"Erlaubnis"-Felder gab es eigentlich nur beim österreichischen Streckenblock für eingleisige Strecken, um der Gegenstelle die Einfahrt eines Zuges in einen Blockabschnitt zu erlauben. Allerdings wurden diese Bezeichnung des öfteren dort verwendet, wo es um Zustimmungen zwischen Bahnhöfen über den Verkehr auf einer eingleisigen Strecke ging – wie eben hier (im Gegensatz dazu waren die Abhängigkeitsfelder zwischen der Abzweigung Kledering und dem Verschiebebahnhof mit dem üblichen Begriff "Zustimmungsfeld" gekennzeichnet, wie man im vorherigen Posting sehen kann):

Befehlswerk Fdl Richtung Simmering Verschiebe (Stw.2), Simmering Ost, 26.2.1983

Hier sind schließlich die Blockfelder Richtung Nickelsdorf (oder Bruck a.d.Leitha oder Abzweigung Kledering):

Befehlswerk Fdl Richtung Abzw.Kledering (Stw.2), Simmering Ost, 26.2.1983

Insgesamt gibt es folgende Blockfelder am Befehlswerk:

Hier die Abkürzungen aufgedröselt:
  • Ba = Befehlsabgabe
  • Ea = Erlaubnisabgabe
  • Ee = Erlaubnisempfang
  • Fa = Fahrstraßenauflösung
  • Str-anfbl. = Streckenanfangsblock
  • Str-endbl. = Streckenendblock
  • Wsp = Wiederholungssperre; am Block "Wdhg.sperre"
Für die Signalanzeige und die Bedienung der Ersatzsignale stand in der Fahrdienstleitung ein kleines Stell- und Anzeigepult. Am folgenden Bild sieht man es mit einer Durchfahrt von Wien nach Bruck. Man sieht auch eine leuchtende "Ff"-Lampe, die dem Fahrdienstleiter anzeigt, dass im K47-Stellwerk die Fahrstraße festgelegt ist – dafür gibt es ja keine Felder. Über die diversen Hilfstasten darauf wie die Schlüsselschalter "HA" – "Haltanforderung"? – oder "HWT" – ?? – lasse ich mich nicht aus, weil mein Tagebuch dazu leider schweigt:

Signalanzeigepult, Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983

Am folgenden Bild sehen wir nocheinmal die Felder Richtung Wien Süd, diesmal mit einer gestellten Ausfahrt: Ba-Feld ist weiß = Befehl ist abgegeben, Fa-Feld ist grün = Fahrstraße ist im Stellwerk festgelegt. Rechts hat der Blockapparat schon seine Abdeckung verloren:

Befehlswerk Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983

Und hier sehen wir den geöffneten rechten Blockapparat. Richtung Simmering Verschiebebahnof ist eine Ausfahrt eingestellt:
  • Die Knagge unten links ist auf "Ausf." umgelegt.
  • Das Ee-Feld (Erlaubnisempfang; zweites Feld von links) vom Verschiebebahnhof ist weiß, d.h. dort ist die Fahrstraße schon festgelegt.
  • Das Freigabefeld (drittes Feld von links) ist ebenfalls weiß, d.h. das Stellwerk 2 hat die Freigabe (den Befehl) erhalten, die Ausfahrt Richtung Verschiebebahnhof zu stellen:
Zugleich(!) ist am selben Bahnhofskopf auch eine Einfahrt und eine Ausfahrt Richtung Abzweigung Kledering festgelegt, wie man an den beiden anderen Knaggen sieht. Und für die Einfahrt von dort ist auch das Freigabefeld (drittes Feld von rechts) auf weiß geblockt.
Wieviele dieser Fahrten allerdings echte Fahrten sind, und wieviele der Signalmeister für eine Fehlersuche braucht, kann ich im Nachhinein nicht mehr feststellen:

Geöffnetes Befehlswerk Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983

Während am Stellwerk gebaut wird (und es daher als untauglich zählt), stehen am Boden die Fronttafeln des Blockwerks:

Befehlswerk Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983
Befehlswerk Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983

Hier sieht man nocheinmal den ganzen Apparat aus derselben Perspektive wie im ersten Bild, aber rechts offen. Die Blockfelder Richtung Verschiebebahnhof sind wieder in Grundstellung, also alle vier rot, und die Knagge unten ist wieder in die senkrechte Stellung zurückgelegt. Das Freigabefeld von Bruck (drittes von rechts) ist auch wieder rot, daneben ist der Besetztmelder wieder weiß, d.h. die Strecke ist nicht mehr besetzt, d.h. der Zug ist im Bahnhof – oder schon Richtung Wien davongefahren, und die Ausfahrt dort ist auch schon zurückgestellt. Nur die zwei Knaggen unten legen durch ihre Schrägstellung noch mechanisch die Ein- und Ausfahrt fest:

Geöffnetes Befehlswerk Fdl, Simmering Ost, 26.2.1983

Vom Stellwerk 1 gibt es nur zwei Aufnahmen, die einen üblichen 5007er mit Lichtsignalen zeigen. Das erste Bild ist von Blockapparat und Signalstell- und -anzeigetafel. Wir sehen eine Ausfahrt nach Wien – Be-Feld weiß = Befehl ist empfangen, Ff-Feld grün = Fahrstraße ist festgelegt, und oben drüber zeigt das Signal H1y frei. An diesen Signalen waren auch schon die Einfahrvorsignale "y" für Wien Süd montiert – hier zeigt dieses Signal noch "halt erwarten". Das Signal H4y ist ganz dunkel – ich meine mich zu erinnern, dass es dieses Gleis nicht mehr als Hauptgleis gab, weil dort schon die neue Einfahrt Richtung Kledering Einfahrbahnhof gebaut wurde:

Blockapparat und Signalanzeigetafel, Stw.1, Simmering Ost, 26.2.1983

Die Hebelbank war noch mit allen Weichenhebeln – darunter zwei Madnerhebeln – bestückt, aber natürlich keinen Signalhebeln mehr. Ganz rechts, unter dem Gleisanzeiger, sind zwei Fahrstraßenknaggen umgelegt, um die Ein- und Ausfahrt nach Wien auf den durchgehenden Gleisen zu verschließen:

Stellwerk 1, Simmering Ost, 26.2.1983

Vom "mechanischen K47" im Stellwerk 2 habe ich leider nur diese unscharfe Aufnahme. Der ganze Apparat ist auf dem Untergestell des alten 5007er-Stellwerks aufgebaut. Ein Hebelersatzschloss hat sogar noch einen Platz dort gefunden und macht über einen Hebel das Verschlussregister des elektromechanischen Stellwerks von seiner Stellung abhängig:

Stellwerk 2, Simmering Ost, 26.2.1983

Im folgenden Detail sieht man die grünen Fahrstraßenschalter für die mechanische Festlegung der Fahrstraßen und die roten Schalter für die Signale. Wie das 42733 – siehe z.B. das Stellwerk 1 von Salzburg in diesem Posting – hatte auch das K47 die "klassische" Trennung von Fahrstraßenhebeln/schaltern und Signalhebeln/schaltern vom mechanischen Stellwerk übernommen (erst beim EM55 wurden in Österreich die "Fahrstraßensignalschalter" verwendet, bei denen mit einem Schalter hintereinander mechanische und elektrische Fahrstraßenfestlegung und Signalfreistellung erfolgten).

Beim Schalter Richtung Simm.Vbf. wurde allerdings bei der Fahrt von Simm.Vbf. kein echtes Signal freigestellt, sondern der Stromkreis freigeschalten, der zusammen mit dem Ea-Feld in der Fahrdienstleitung es ermöglichte, dass Simmering Verschiebe sein Ausfahrsignal freistellen konnte (so reime ich mir das zusammen: Denn die gekuppelten Blockfelder Ea und Freigabe in der Fahrdienstleitung machen es wahrscheinlich, dass dort zugleich Freigabe an Stw.2 und Ea geblockt wurden. Dadurch darf aber Simmering Verschiebe noch nicht die Möglichkeit zur Freistellung erhalten haben – vorher muss ja das Stellwerk 2 noch die Fahrstraße stellen und verschließen und festlegen ... also muss die Bedingung für Simmering Verschiebe sein "Ea von Fdl und Festlegung am Stw.2):

Stellwerk 2, Simmering Ost, 26.2.1983

Das letzte Bild zeigt die Weichenschalter. Die Überwachungslampe zeigt an, dass die Weichenstellung mit der Schalterstellung übereinstimmt – sie ist also beim Weichenumlauf dunkel:

Stellwerk 2, Simmering Ost, 26.2.1983

Und zum Schluss noch ein Betriebsfoto:

5044.17 als 2819, Simmering Ost, 26.2.1983

Kommentare:

  1. Der "namenlose Anonymous" hat noch etwas entdeckt: das Ee-Feld in Simmering Ost wird durch gleichzeitiges Blocken von Za u. Ba-Feld in Simmering Vbf entblockt, das d.h. die Fahrstrasse muss noch nicht festgelegt sein - außer bei einem superschnellen Stellwerker!

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  2. Der "namenlose Anonymous" hat noch etwas entdeckt: das Ee-Feld in Simmering Ost wird durch gleichzeitiges Blocken von Za u. Ba-Feld in Simmering Vbf entblockt, d.h. die Fahrstraße muss noch nicht festgelegt sein - außer bei einem superschnellen Stellwerker!

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  3. S.g. Herr Müller, ich hätte Interesse an einer Vergrößerung des Fotos der Signaltafel des Stellwerk 2 Simmering Ost um eventuell die Beschriftung der Meldelampen und Tasten erkennen zu können. Auch hätte ich gerne gewußt, welche Funktion die mechanischen Elemente ZRT, NHT... über den Fahrstraßen-/Signalschaltern hatten. Besten Dank im voraus!

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    1. Das Foto ist unter http://www.hmmueller.de/DVD2/09018.jpg verfügbar. Allerdings sind auch darauf die Aufschriften nur sehr schlecht erkennbar - mit etwas Raten und Nachdenken sollte man allerdings einige davon entziffern ...

      ZRT=Zustimmungsrücknahmetaste, NAT=Notauflösetaste, RHT=???-Hilfstaste - mehr weiß ich leider auch nicht. Und nun müsste man wohl die Verdrahtung der Blockfelder von Fdl und Simmering Vbf sowie des Stw.2 skizzieren, um die konkreten Funktionen dieser Tasten herauszufinden ...

      Ich hoffe, das hilft ein wenig weiter.

      H.M.

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