Montag, 8. Juni 2026

Unfälle, bewirkt durch Sicherungsanlagen - hier: explodierende Knallkapseln

Vor langer Zeit habe ich über einige Unfälle berichtet, die durch Versagen von Sicherungsanlagen bewirkt wurden. In WalterVonBayerns umfangreichen Postings von Zeitungsartikeln im Historischen Forum von drehscheibe-online habe ich weitere Beispiele für solcher Ereignisse gefunden. Ich möchte einige davon, mit seiner Erlaubnis zum Zitieren der von ihm gesammelten Texte, hier posten und kommentieren.

Eisenbahnsicherungsanlagen schützen, interessanterweise, vor mehreren Problemen:

  1. Zuerst einmal ermöglicht eine Sicherungsanlage die sichere Ausführung von Tätigkeiten, die andernfalls (viel) aufwändiger wären: Etwa das Umstellen einer Weiche, sodass danach die Zungen sicher an die Backenschienen anschließen (die direkte Prüfung an der Weiche ist praktisch nur bei Ortsbedienung möglich); oder die Feststellung, ob ein Streckengleis besetzt ist (die direkte Prüfung wäre das Begehen des Gleisabschnitts in voller Länge).
  2. Darüberhinaus schützt eine Sicherungsanlage, die von Menschen bedient wird, vor Fehlhandlungen des Menschen: Etwa dass eine Weiche umgestellt wird, während ein Zug die Weiche befährt; oder das Freistellen eines Ausfahrsignals in eine besetzte Blockstrecke.
  3. Drittens, und interessanterweise, schützt eine Sicherungsanlage auch vor Fehlern, die in der Sicherungsanlage selbst auftreten: Etwa dem Riss der Drahtzugleitung zu einem Signal; oder dem Ausfall eines Rechnerkerns in einem elektronischen Stellwerk.
Wenn eine Sicherungsanlage bei einer dieser Aufgaben versagt, dann passiert das, was ich als "Sicherungsanlagenunfall" (oder, wenn kein Schaden entsteht, "-vorfall") bezeichnen würde: Ein Ereignis, wo ausgerechnet die Sicherungsanlage selbst einen ihrer Zwecke "selbst unterläuft"!

Bewusst nicht schützt eine Sicherungsanlage vor bestimmten gefährlichen Handlungen, die zur Umgehung von möglichen Fehlern der Anlage vorhanden sind: Etwa dem Freistellen eines Ersatzsignals bei Teilausfall der Sicherungsanlage (siehe dazu aber Das Ersatzsignal – ein deutscher Sonderweg? von Jörn Pachl); oder dem manuellen Anheben eines Schrankenbaums durch einen eingesperrten Bahnquerenden in Deutschland (im Gegensatz dazu waren aber in Österreich Schranken schon immer nicht aufwerfbar). Man könnte aber,

  1. viertens, einen Unfall, der sich durch eine solche "geplant erlaubte Gefährdungshandlung" ereignet, als ein "Systemversagen" im Gesamtsystem aus Sicherungsanlage(n) zusammen mit den Entwerfern der zugehörigen Regelungen interpretieren.
  2. Eine fünfte Möglichkeit eines "Sicherungsanlagenunfalls" ist schlussendlich wenn eine Sicherungsanlage, ganz unabhängig von ihrer sichernden Funktion einen Schaden verursacht – wenn z.B. der Stellwerker dagegenstößt und sich verletzt.

Aber genug der Einteilerei, die natürlich diskutierbar ist – ich mache mich nun auf die Suche nach Beispielen für solche Fälle!

Das erste unglückliche Ereignis, das ich gefunden habe, hat mit einer sehr alten Sicherungstechnik zu tun: Nämlich den Knallkapseln, die auf jedem Zug lange mitgeführt werden mussten, um ihn im Falle des Liegenbleibens gegen andere Fahrten von vorne und hinten zu schützen. Auf Strecken ohne Streckenblock und ohne Zugfunk war das offenbar in Österreich, Deutschland und der Schweiz bis in die 1980er, teils in die 1990er Jahre hinein vorgeschrieben. Ausgerechnet dieses Schutzelement hat allerdings 1911 einen – gottseidank kleineren – Unfall ausgelöst, wie die Augsburger Abendzeitung am 2. September 1911 berichtet:

München, 1.Sept. Auf dem Eilzug 111, der hier um 6 Uhr 45 Minuten vormittags nach Nürnberg abgeht, explodierten heute vormittags gegen 9 Uhr bei der Durchfahrt in Station Obereichstätt die auf der Maschine befindlichen Signalknallkapseln aus unaufgeklärter Ursache. Der Heizer wurde am linken Oberschenkel ziemlich erheblich verletzt. Der über seinem Stand angebrachte Kasten, in dem die Kapseln nebst einigen Magnesiumfackeln aufbewahrt waren, wurde vollständig zertrümmert; daß der Heizer nicht schwere Verletzungen erlitt, ist dem Umstand zuzuschreiben, daß er eben mit Nachschüren beschäftigt war und sich von seinem Stand entfernt hatte. Er konnte seinen Dienst bis zur Ankunft in Nürnberg, wo er verbunden wurde, noch versehen. Der Führer der Lokomotive kam mit dem Schrecken davon.
Den Grund für dieses explosive Versagen eines Sicherungsmittels mit daraus resultierender "ziemlich erheblicher Verletzung" konnte offenbar nicht ermittelt werden. In meiner Einteilung ist das übrigens ein Ereignis der fünften Kategorie, also "Schaden unabhängig von der sicherenden Funktion", finde ich.

Donnerstag, 1. Januar 2026

Von 1909, aus Ungarn: Die Sicherungsanlagen der Eisenbahnen, von Ottokár Soulavy


1909 hat Ottokár Soulavy, Oberingenieur der ungarischen Linien der k.k.priv. Südbahngesellschaft, auf ungarisch ein Buch über Sicherungsanlagen geschrieben, das hier als Scan verfügbar ist. Im Rahmen der österreichisch-ungarischen Monarchie war die Eisenbahntechnik der zwei Reichshälften sehr ähnlich, und daher habe ich gehofft, aus diesem Buch einige Neuigkeiten (und viel Altbekanntes) auch über österreichische Sicherungsanlagen zu erfahren. Aber – ungarisch?

Die Lösung war tatsächlich KI, in diesem Falle der Microsoft Copilot. Ohne einiges an Prompting-Aufwand ging es nicht, aber nach wenigen Tagen hatte ich, der kein Wort ungarisch kann, doch eine akzeptable Rohübersetzung. Einige Tage Zusammenarbeit mit Google Translate haben mir dann geholfen, viele (sehr viele) falsche, irreführende und sonstige problematische Stellen zu reparieren – das Ergebnis ist nun hier als PDF downloadbar. Auf den ersten Seiten beschreibe ich auch ein wenig genauer, wie ich den Text (und die Bilder!) ins Deutsche transportiert habe.

Zwei interessante Punkte:

a) Der Doppelhebel mit einander gegenüberstehenden Hebeleisen und einer einzelnen Kettenrolle (oder Seilrolle) wurde lt. Soulavy von Zimmermann konstruiert (und nicht von Siemens oder evtl. Götz & Söhne, was ich gedacht hätte).

b) Der Text beschreibt halbwegs im Detail den "Kettenapparat", der von den Südbahnwerken als Konkurrenz zum Rankapparat konstruiert wurde, aber laut Hager nicht die Typengenehmigung bekam.

Wenn jemand tatsächlich Interesse hat und eine Anmerkung zu dem Text hat, gerne hier als Kommentar oder per Email!